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Geschichte und Struktur

Die Vorgeschichte

Der Kairos-Prozess begann in Südafrika während der Jahre der Apartheid. Im September 1985 wurde dort das so genannte „Kairos-Dokument“, ein bewegender Text mit dem Titel „Eine Herausforderung an die Kirchen“, veröffentlicht. Geschrieben von ChristInnen und Intellektuellen in Basisgruppen, lehnte es die Apartheid ab. Es verkündete, dass der kritische Moment für die Armen und die Unterdrückten gekommen sei: ein „Kairos-Moment“. Dieses Dokument forderte die Führer der christlichen Kirchen in Südafrika heraus, prophetisch zu handeln und sich an die Seite der Armen und Unterdrückten zu stellen.

Nach dem Erfolg des Kairos-Prozesses in Südafrika entwickelten sich vergleichbare Prozesse in anderen Ländern des Südens, namentlich in Lateinamerika und auf den Philippinen, zusammengefasst in dem so genannten „Damaskus-Dokument“ mit dem Titel „The Road to Damascus – Conversion and Confession“ (Auf der Straße nach Damaskus – Bekehrung und Bekenntnis, 1989). Das durchgängige Anliegen dieses Dokuments lag darin, an der Basis zum Widerstand gegen unterdrückerische Mächte in den an diesem Prozess beteiligten Ländern zu ermutigen, und gleichzeitig die eigenen christlichen Kirchen, besonders auch in den Ländern des Nordens, herauszufordern, sich als prophetische Kirche an die Seite der Armen zu stellen.

Bei der ersten Ökumenischen Versammlung der europäischen Kirchen 1989 in Basel, Schweiz wurde die Idee eines europäischen Kairos-Prozesses geboren. VertreterInnen von dort anwesenden Gruppen, Netzen und Organisationen beschlossen, vor allem jene Basisgruppen, die sich mit wirtschaftlicher Gerechtigkeit im Verhältnis Nord-Süd, Ost-West und im innereuropäischen Zusammenhang beschäftigten, zu einer europäischen Vernetzung einzuladen. Dies führte zur Gründung von Kairos Europa durch Delegierte von 80 europäischen Basis-Organisationen im Mai 1990 in Monteforte, Italien. Seit diesem Treffen hat „Kairos Europa – Unterwegs zu einem Europa für Gerechtigkeit“ die Arbeit aufgenommen. Ein erstes Büro wurde in Heidelberg, Deutschland eröffnet. Seither ist der Kairos Europa-Prozess von zirka alle drei Jahre neu akzentuierten Arbeitsschwerpunkten geprägt.

 

1991 bis 1993: Mechanismen von Verschuldung und Verarmung

Die erste Phase des Kairos Europa-Prozesses dauerte von 1991 bis 1993. Sie konzentrierte sich auf den Aufbau von Kairos Europa als ein Netzwerk von Basis-Gruppen und -Bewegungen. Der Prozess gipfelte in einem ersten wichtigen Meilenstein der Geschichte von Kairos Europa: dem Straßburger „Parlament von unten“ zu Pfingsten 1992. An dieser einwöchigen Veranstaltung nahmen über 800 VertreterInnen von sozialen Bewegungen und Netzwerken aus zweiundfünfzig Ländern teil. Die meisten TeilnehmerInnen kamen aus Europa, jedoch gab es auch eingeladene Delegationen aus Lateinamerika, Afrika und Asien.

Die versammelten Delegierten repräsentierten einerseits jene, die in Europa an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden: Arbeitslose, Menschen mit körperlichen Einschränkungen, Migranten, fahrendes Volk, Obdachlose und NiedriglohnarbeiterInnen, andererseits RepräsentantInnen von Gruppen, Netzwerken und Organisationen, die sich an der Seite der Betroffenen für die Belange der Marginalisierten einsetzen. Die Delegierten verbrachten drei Tage in Kommissionen und befassten sich mit den dringendsten Bedürnissen wie z.B.: Nahrung, Obdach, der Freiheit weiterzuziehen oder zu bleiben, und dem Recht auf Arbeit, auf die eigene Kultur und Geschichte. Anschließend gab es Anhörungen mit VertreterInnen des Europäischen Parlaments und der EU-Kommission zu spezifischen Themen. Außerdem fanden Plenarveranstaltungen mit allen Delegierten des „People’s Parliament“ statt, das zum Abschluss eine gemeinsame Erklärung verabschiedete. Am letzten Tag demonstrierten die TeilnehmerInnen in einem großen Zug durch die Straßen von Straßburg für ein gerechteres, toleranteres und ofeneres Europa.

Weitere Kampagnen dieser Periode konzentrierten sich auf Alternativen zu den offiziellen Feierlichkeiten aus Anlass von 500 Jahren seit der „Entdeckung“ Amerikas durch Kolumbus und den Widerstand gegen die verstärkte Konzentration demokratisch nicht kontrollierter politischer und wirtschaftlicher Macht im Zuge der Formierung des EU-Binnenmarktes. Dabei ging (und geht) es Kairos Europa darum, den Kampf gegen ungerechte Strukturen zwischen Nord und Süd mit den Aktionen gegen ungerechte Strukturen innerhalb Europas zu verbinden. Damit nahm Kairos Europa vorweg, was sich später zum gemeinsamen Kampf gegen die Verwerfungen neoliberaler Globalisierung entwickeln sollte. Am Ende dieser Periode zog das Kairos-Koordinationsbüro von Heidelberg nach Brüssel um.

 

1994 bis 1996: Alternativen zum herrschenden Entwicklungsmodell

Im Jahr 1994 stellte die EU die Weichen für die Europäische Währungsunion. Mit den Konvergenzkriterien für den Eintritt in die Währungsunion wirkte auf die nationalen Ökonomien innerhalb der EU derselbe Druck, den die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) durch Strukturanpassungsprogramme auf die Länder des Südens ausübten. Das Ergebnis war mehr oder weniger dasselbe: gestiegene Erwerbslosigkeit,und eine Verringerung der sozialen Leistungen, insbesondere bei Gesundheit und Bildung.

Der Widerstand von Kairos Europa gegen die Folgen des herrschenden Entwicklungsmodells erreichte in dieser Phase seinen Höhepunkt in den „Brüsseler Aktionstagen“ vom Juni 1994. Diese Aktionstage fanden Ausdruck in Anhörungen im Europäischen Parlament zum Thema der Europäischen Währungsunion und in Straßenprotesten mit einer Menschenkette um die Brüsseler Börse „La Bourse“.

Eine weitere Kampagne von Kairos Europa mit dem Titel „50 Jahre sind genug“ richtete sich gegen die Politik der Bretton Woods-Institutionen – Weltbank und IWF – mit der Forderung nach grundlegenden Reformen. Kairos Europa organisierte im Vorfeld vier „mobile Seminare“ mit insgesamt 40 TeilnehmerInnen aus 14 Ländern zum Austausch über die negativen Auswirkungen des herschenden Entwicklungsmodells in Form von Verarmungs- und Verschuldungsprozessen in Nord, Süd, Ost und West. Diese mobilen Seminare brachten VertreterInnen von sozialen Bewegungen und ökumenischen Organisationen in vier Regionen zusammen: in der Karibik, in Brasilien, in Deutschland und Polen sowie in Italien und der Schweiz.

 

1997 bis 1999: Zivilgesellschaftliche Alternativen zur neoliberalen Globalisierung

Ein erster Schwerpunkt dieser Phase des Kairos Europa-Prozesses lag auf der „2. Europäischen Ökumenischen Versammlung„, die im Oktober 1997 in Graz, Österreich stattfand. In Anknüpfung an die 1. Europäische Ökumenische Versammlung in Basel, auf der die Idee für Kairos Europa geboren wurde, initiierte Kairos Europa für Graz eine Koalition mit mehreren hundert ökumenischen Gruppen, Netzwerken und Organisationen, welche auf dem Veranstaltungsgelände der Versammlung gemeinsam ein „ökumenisches Dorf“ gestalteten und derart die Präsenz der Basis gewährleisteten. Außerdem fand dort auch eine Diskussion über den ersten Entwurf eines „Europäischen Kairos-Dokuments“ statt, welches 1998 veröffentlicht wurde. Mehr als 200 Gruppen haben zu diesem Dokument beigetragen, das schließlich in 12 Sprachen erschienen ist.

Ein zweiter Schwerpunkt der Phase 1997-1999 bestand in der Arbeit zu Alternativen zur neoliberalen Globalisierung, die Kairos Europa in enger Zusammenarbeit mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) durchgeführt hat. Hierzu wurde zunächst im Oktober 1998 in Frankfurt/M. eine westeuropäische Fachkonsultation über Alternativen zum herrschenden Entwicklungsmodell abgehalten, gefolgt von einem internationalen Austausch über Strukturen eines „Alternativen Entwicklungsmodells für Afrika“ in Harare, Simbabwe. Resultate dieses Prozesses brachte Kairos Europa dann in die sich unmittelbar anschließende Generalversammlung des ÖRK, ebenfalls in Harare, ein. Zudem war Kairos Europa mit einer Delegation beteiligt an einem Zusammentreffen afrikanischer NGOs in Accra, Ghana, bei dem die afrikanische Entschuldungsinitiative „African Jubilee 2000“ aus der Taufe gehoben wurde. Während dieser Zeit wurde Kairos Europa darüber hinaus vom ÖRK eingeladen, an dem Prozess der Vereinten Nationen zur Entwicklungsfinanzierung („Financing for Development„) teilzunehmen.

Im Oktober 1999 gipfelte das Drei-Jahres-Programm in einer einwöchigen Veranstaltung in Brüssel („Festival der Alternativen„), die eine dreitägige internationale Konferenz, eine Anhörung im Europäischen Parlament und eine Konferenz der Delegierten von Kairos Europa umfasste.

 

2000 bis 2002: Entwicklung braucht eine neue internationale Finanzordnung

Zu Beginn des neuen Jahrtausends konzentrierte sich Kairos Europa auf die Regulierung der internationalen Finanzmärkte. So wurde gemeinsam mit WEED und Pax Christi das „Netzwerk zur demokratischen Kontrolle der internationalen Finanzmärkte“ gegründet, das sich später in „attac Deutschland“ umbenannte. Dank einer erfogreichen Kampagne für die Einführung einer internationalen Devisentransaktionssteuer („Tobin Tax„) gelangte das Konzept der Tobin Tax auf die Agenda der G-8 und der EU.

Zur gleichen Zeit intensivierte Kairos Europa seine Zusammenarbeit mit dem ÖRK und dem Reformierten Weltbund, die ihre Mitgliedskirchen dazu eingeladen hatten, sich im Rahmen eines weltweiten ökumenischen Prozesses gegen wirtschaftliche Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung mit der Globalisierung und hierbei allem voran mit den internationalen Finanzmärkten auseinander zu setzen. Im Vordergrund dieses Engagements standen die Erarbeitung didaktischer Materialien sowie Bildungsveranstaltungen und Schulungsseminare für MultiplikatorInnen, um ein kritisches Bewusstsein für die von den internationalen Finanzmärkten ausgehenden Gefahren zu schaffen und entsprechende Reformvorschläge in die öffentliche Diskussion sowie in die Auseinandersetzung mit politischen EntscheidungsträgerInnen einzubringen.

Mit den Brüsseler Aktionstagen im Oktober 2002 fand diese Phase ihren Abschluss. Auf eine dreitägige internationale Konsultation folgten zwei Anhörungen im Europäischen Parlament und eine zweitägige Kairos Europa-Konferenz mit Delegierten aus den verschiedenen Kairos-Initiativen.

 

2003 bis 200?: Für eine Wirtschaft im Dienst des Lebens

Siehe zu diesem noch aktuellen Arbeitsschwerpunkt unsere Website-Rubriken „Was ist Kairos Europa? – Unsere derzeitigen Arbeitsschwerpunkte“ sowie „Ökumen. Prozess“.

Struktur

Kairos Europa hat eine doppelte Struktur:

  1. Programmlinien, die durch „Kairos-Centers“ in verschiedenen Ländern koordiniert werden
  2. Nationale und regionale Koordinationen

Die offene Mitgliedschaft bei Kairos Europa ermöglicht es Gruppen, Organisationen, Netzwerken wie auch Einzelpersonen, als Mitglieder oder als PartnerInnen bei der Konzeption, Planung und Umsetzung der Programmlinien mitzuwirken. Die einzelnen Programmlinien arbeiten selbständig und unabhängig voneinander, tauschen sich aber untereinander aus, um gemeinsame Aktionslinien zu entwickeln. Ein Geschäftsführender Ausschuss, der aus VerteterInnen der verschiedenen Kairos-Centers und Programmlinien besteht, ist für die Koordination und Verwaltung des gesamten Kairos-Prozesses verantwortlich. Auf dem jährlichen Treffen der Internationalen Koordinationsgruppe werden die Politik und die neuen Programmlinien und Kairos-Centers bestimmt. Zudem gibt es nationale Kairos-Vereine, in Deutschland ist dies „Kairos Europa Deutschland e.V.“. In diesem Verein können Sie Mitglied werden. Er unterstützt vor allem die auf Deutschland bezogenen Aktivitäten des Heidelberger Koordniationsbüros.

Die verschiedenen Programmlinien und nationalen Koordinationen von Kairos Europa sind zumeist in der Form gemeinnütziger Vereine organisiert. Diese finanzieren sich durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und Kollekten sowie zumeist projektbezogene finanzielle Zuschüsse von Kirchen, kirchlichen Einrichtungen und Werken, Stiftungen und der „öffentlichen Hand“ (z.B. Ministerien).

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